Es gibt Momente, in denen sich die Tragweite einer Investitionsentscheidung erst im Nachhinein zeigt. Der Austausch einer Serverlandschaft gehörte lange Zeit nicht dazu. Jahrzehntelang verlief ein Hardware-Refresh nach einem vertrauten Muster: Systeme erreichten das Ende ihres Lebenszyklus, Hersteller kündigten das End-of-Life an, neue Hardware wurde beschafft und die bestehende Infrastruktur auf die nächste Hardware Generation migriert. Die Architektur blieb unverändert.
Genau diese Selbstverständlichkeit beginnt sich aufgrund aktueller und möglicher zukünftiger Entwicklungen mehr und mehr aufzulösen.
Der KI-Boom als Ursache?
Einer der offensichtlichsten Hebel, die das Umdenken in der Infrastrukturplanung einleitete, ist sicherlich der anhaltende KI-Boom. Agents und LLMs haben Einzug in die Arbeitswelt erhalten. Für die einen Segen für andere Fluch, ist man sich einig: Der Hardware-Markt veränderte sich in den letzten Jahren aufgrund dieser Neu-Entwicklung nachhaltig. Investitionskosten für Hardware stiegen massiv. Am deutlichsten zu beobachten an Preisen für Arbeitsspeicher, ziehen nun aber auch weitere Komponenten preislich nach. Dennoch werden steigende Preise für Enterprise-Hardware allein kaum ein Unternehmen dazu bewegen, seine Infrastruktur aufzugeben. Wer über Jahre in Virtualisierung, Storage, Backup, Netzwerke, Sicherheitsmechanismen und Betriebsprozesse investiert hat, ersetzt dieses Fundament nicht wegen teurerem RAM. On-Premise-Infrastrukturen werden deshalb nicht ausgedient haben, nur weil Investitionskosten steigen.
Der Server Refresh ist kein Hardware-Projekt mehr
Wer heute eine Infrastruktur Refresh plant, entscheidet nicht mehr nur über Prozessoren und Storage-Systeme. Er legt fest, wie die eigene IT in den kommenden fünf bis sieben Jahren betrieben werden soll. Genau hier erreichen wir den Punkt, an dem der Plan nach altem Muster nicht mehr zeitgemäß bleibt.
In vielen mittelständischen Unternehmen erfüllen die vorhandenen Server ihren Zweck häufig noch. Anwendungen laufen stabil und größere Ausfälle sind selten. Gleichzeitig steigt der Aufwand diesen Zustand dauerhaft aufrechtzuerhalten. Wartungsverträge laufen nach und nach aus, Ersatzteile werden knapper, Firmware muss gepflegt werden und mit jeder neuen Hardwaregeneration wachsen die Anforderungen an Sicherheit, Dokumentation und Compliance. Hinzu kommen weitere Anforderungen, die auf Flexibilität und Reaktionsfähigkeit gegenüber wirtschaftlichen, technischen und regulatorischen Veränderungen abzielen. Digitale Souveränität bedeutet in diesem Zusammenhang, die Kontrolle über Daten, technologische Entscheidungen und Betriebsprozesse zu behalten. Dazu gehört auch, Plattformen oder Dienstleister wechseln zu können, wenn sich wirtschaftliche, technische oder regulatorische Rahmenbedingungen verändern. Diese technische und wirtschaftliche Exit-Fähigkeit entwickelt sich damit von einer architektonischen Eigenschaft zu einem strategischen Entscheidungskriterium. Für sich genommen wäre keiner dieser Faktoren außergewöhnlich. In ihrer Kombination verändern sie jedoch den Charakter eines Hardware-Refreshs grundlegend.
Warum sich der Betrieb kaum noch linear kalkulieren lässt
Der klassische Eigenbetrieb ist heute nur noch eine von mehreren Möglichkeiten. Daneben stehen Colocation, Managed Infrastructure, hybride Architekturen oder Public-Cloud-Plattformen. Jede dieser Varianten kann sinnvoll sein und keine ist grundsätzlich richtig oder falsch. Jedoch fällt ein Hardware-Refresh heute häufig nicht nur mit steigenden Hardwarekosten zusammen, sondern vor allem auch steigenden Lizenzkosten, neuen regulatorischen Anforderungen, längeren Lieferzeiten, höheren Anforderungen an Cybersecurity und einem zunehmenden Fachkräftemangel. Hinzu kommen unvorhersehbare Entwicklungen, wie beispielsweise die Übernahme von VMware durch Broadcom, die vielen Unternehmen vor Augen geführt haben, wie schnell sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen eingesetzter Infrastruktur verändern können. KMU-typisch steht allerdings immer noch die Leistungsfähigkeit der bestehenden Infrastruktur stärker zur Diskussion als ihr zukünftiger Betrieb. Vorhandene Setups erfüllen ihren Zweck, Anwendungen laufen stabil und größere Ausfälle sind selten. Gleichzeitig wächst die Abhängigkeit vom Inselwissen einzelner Mitarbeiter in den Bereichen Netzwerk, Storage, Virtualisierung und Cybersecurity.
Die Investition beginnt erst nach dem Hardware-Kauf
Hybrid-Lösungen sind beliebt und gelebte Praxis. Bestenfalls bildet eine Hybridstrategie das Fundament, welche klar definiert, welche Anwendungen aus technischen, wirtschaftlichen oder regulatorischen Gründen lokal betrieben werden, welche Dienste ausgelagert werden und wie mit Verantwortlichkeiten umgegangen wird. Blickt man genauer hin, verstecken sich hinter diesen Lösungen weniger Strategie als vielmehr historisch gewachsene Hybridumgebungen. Schrittweise entstandene Projekte, deren Systeme dort betrieben werden, wo das jeweilige Projekt am sinnvollsten erschien. Diese stellen keine Strategie dar, sondern die Summe vieler Einzelentscheidungen. Ein Infrastruktur-Refresh bietet die Chance, diese Entwicklung zu hinterfragen. Nicht jede Anwendung muss in einer Public-Cloud oder On-Premise betrieben werden. Und zum Kerngeschäft von Unternehmen zählt es auch nicht Hypervisor zu aktualisieren oder Storage-Systeme zu administrieren. Die Kernfrage sollte also lauten:
„Welche Teile unserer IT schaffen einen strategischen Mehrwert und welche betreiben wir lediglich, weil wir sie schon immer selbst betrieben haben?“
Beantwortet ein Unternehmen für sich diese Frage ehrlich und fundiert, lässt sich beurteilen, ob der Eigenbetrieb weiterhin sinnvoll ist oder eine Managed Infrastructure wirtschaftlicher wäre. Eine Entscheidung, die nicht mehr auf Gewohnheit und kurzfristigen Investitionskosten, sondern auf einer langfristig tragfähigen Strategie basiert, die Folgekosten für Betrieb und Maintenance integriert. Eine belastbare Entscheidung darf sich nicht auf die Anschaffungskosten beschränken. Erst die gemeinsame Betrachtung von Investitions- (CapEx) und Betriebsausgaben (OpEx) über den gesamten Lebenszyklus unter Berücksichtigung der Kostenvarianz durch Marktveränderungen und nur begrenzt prognostizierbare Risiken ermöglicht die Entwicklung eines fundierten und zukunftssicheren Infrastruktur-Refreshs. Plattformwechsel, neue rechtliche Bedingungen, Lizenzänderungen: Wer den Server-Refresh als strategische Chance nutzt, schafft die Grundlage für eine IT, die langfristig leistungsfähig, wirtschaftlich und anpassungsfähig bleibt.
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